„Lasst die Kinder einfach Fußball spielen“

26mal hat er das Trikot der Deutschen Fußball-Nationalmannschaft getragen, für Bayer04 Leverkusen insgesamt 288 Bundesligaspiele bestritten und dabei für die Werkself 41 Liga-Treffer erzielt. Erst 2015 beendete Simon Rolfes seine aktive Laufbahn, die 2000 bei Werder Bremen ihren Anfang nahm und ihn durch alle Junioren-National-Teams ab der U18 bis ins EM-Viertelfinale 2008 gegen Portugal führte. Heute ist der 36jährige nicht nur als Fußballexperte fürs ZDF tätig, sondern führt mit seinem Geschäftspartner Markus Elsässer eine eigene Berater-Agentur und die Firma GoalControl.

Für das ISAR CUP 2018-Programmheft hat sich Lars Schmoldt mit dem ehemaligen Nationalspieler unterhalten.

Hallo Simon. Du blickst heute auf eine beeindruckende Karriere als Fußball-Profi zurück und berätst heute Nachwuchsspieler bei der Karriereplanung. Was sind für Dich die größten Unterschiede zu früher, was ist in den vergangenen 20 Jahren gleich geblieben?

Die Jugendarbeit gestaltet sich heute schon ein wenig schwieriger als früher. Bei uns hat damals noch fast die ganze Klasse im Dorfverein gekickt; da sind Freundschaften entstanden und wir hatten auch alle Spaß am Spiel. Heute müssen Trainer Teams häufiger zusammenwürfeln, es gibt viel mehr Spielgemeinschaften und viele Eltern versuchen schon in jungen Jahren an einer ernsthaften Karriere des Nachwuchs zu feilen.

Es hört sich fast so an, als würdest Du den Eifer der Eltern eher als Nachteil sehen. Will denn nicht jeder zweite Junge noch Fußballprofi werden?

Kein Nachteil, Lars. Aber insgesamt hat die Ernsthaftigkeit enorm zugenommen. Auch viele Jugendtrainer verstehen sich immer mehr als Taktikfüchse. Eltern üben Druck aus. Das kann den Kids dann schonmal die Freude am Fußballspielen nehmen. Genau das darf aber nicht geschehen. Große Trainer wie Otto Rehagel oder auch Jupp Heynckes lassen auch Profis einfach mal kicken; achten neben den üblichen Trainingsprogrammen immer darauf, auch Spaß- oder schnelle 4 vs. 4 oder 6 vs. 6-Einheiten einzubauen. Das schweißt ein Team zusammen.

Und was ist auch über die vergangenen 20 Jahre gleich geblieben?

Das Tolle ist nachwievor die integrative Kraft des Fußballs. Auf dem Feld interessiert es keinen Spieler wo der Mitspieler herkommt, welche Bildung er hat oder was die Eltern beruflich machen. Die Kinder wollen einfach nur Fußball spielen; gemeinsam Spaß haben und Kameradschaften aufbauen. Taktik ist wichtig. Sein Kind zu fördern ebenfalls. Das Wichtigste bleibt aber die Freude am Spiel. Und das müssen Eltern wie Trainer auch in jungen Jahren einfach zulassen. Erfolgreich sind dann meistens diejenigen, die nach dem Training noch in kleinen Gruppen passen, schießen oder neue Dinge mit dem Ball ausprobieren. Lasst die Kinder einfach Fußball spielen.

Nun hat natürlich auch das Freizeitangebot in den vergangenen Jahren immer weiter zugenommen. Gerade im Zuge der Digitalisierung und der enormen Popularität des eSports fällt es Eltern zusehends schwerer, ihre Kinder auf den Fußballplatz zu bekommen. Wie stehst Du dazu?

Es ist natürlich keine gute Entwicklung, wenn die Kinder zunehmend Fußballschuhe gegen Konsolen-Controller und den PC eintauschen. Wenn immer weniger kicken wollen, haben wir neben den gesundheitlichen Herausforderungen auch bald ein Qualitätsproblem im Fußball. Aber hier sind schlussendlich alle Beteiligten gefordert; nicht zuletzt Eltern und Vereine.

Was hältst Du denn davon eSport und körperliche Ertüchtigung zu verbinden? Beispielsweise nach dem Training oder nach dem Spiel am Wochenende noch ein eSport-Turnier anzubieten.

Coole Idee Lars. Eine Kombination aus beidem könnte ich mir auch gut vorstellen. Zumal Du ja auch beim Konsolen- oder PC-Spiel taktisches Verständnis mitbringen musst.

Was würdest Du Jugendtrainern heute mit auf den Weg geben wollen?

Wie vorhin schon gesagt: Lasst die Kinder einfach Fußball spielen. Steigt nicht zu früh in Taktikschulungen ein. Bestreitet kleine Turniereinheiten, denkt über Spaßformen nach (wie Fußballtennis oder Lattenwettschießen, Anm. d. Red.) und bringt so mehr Abwechslung in den Trainingsalltag. Die Kinder werden es euch danken. Wir sind damals häufig bis Sonnenuntergang noch auf dem Bolzplatz geblieben, danach hundemüde ins Bettgefallen.

Na das gefällt doch sicherlich auch den Eltern. Hast Du denn auch eine Empfehlung für all die Fußball-Muttis und -Väter da draußen?

Na ja; auch hier: Lasst die Kinder einfach Fußball spielen. Das schafft sicherlich eine gute Karriere-Grundlage. Die Karriere aber von A bis Z zu planen und dabei schon in jungen Jahren den entsprechenden Druck aufzubauen führt dagegen selten zum Erfolg. Da kann noch soviel dazwischen kommen. Angefangen von kleineren und größeren Verletzungen bis hin zu vielen Entscheidungen, die einer Karriere auch im Weg stehen können. Dagegen lässt sich die Karriere bei etablierten Spielern – also bei denjenigen, die den Sprung geschafft haben – sehr wohl planen. Und hier ist es dann auch notwendig.

Simon wir danken Dir für das angenehme Gespräch.

Danke Lars. Allen Teilnehmern, Ausrichtern, Eltern und Betreuern wünsche ich schon heute einen erfolgreichen und vor allem verletzungsfreien Turnierverlauf.